Die Glockengeläute unserer Kirchen sind gleichsam die Stimme des Dorfes, eine unverwechselbare klangliche Kulisse, die fest mit ihrem Ort verbunden und teilweise seit Jahrhunderten unverändert geblieben ist. Spätestens im Hochmittelalter hielten die aus Bronze gegossenen Glocken auch in unserer Gegend Einzug, seither begleiten sie den Alltag mit ihren Klängen. Sie wurden auch für profane Zwecke genutzt, für den Uhrschlag oder wie etwa aus Saanen bekannt als «Armesünderglocke», die bei Hinrichtungen geläutet wurde. Dabei deckte man die Glocke mit Tüchern zu, um einen dumpfen, unheimlichen Klang zu erreichen.

VIVOS VOCO, MORTUOS PLANGO, FULGURA FRANGO! Ich rufe die Lebenden, beklage die Toten, breche die Blitze! So lautet das Motto über Schillers Gedicht «Die Glocke».

Die Inschriften der Glocken zeugen von ihrer Entstehungszeit und den damaligen Läutezwecken: Auf vorreformatorischen Glocken wie in Oberwil werden Heilige verehrt oder Bezüge zum Weiheritus der Glocken hergestellt. In Zweisimmen tragen die zwei kleinen Glocken den englischen Gruss des «Ave Maria» (Angelusläuten) und riefen zum Gebet auf. Mit dem Läuten der grossen Glocke hoffte man die ständige Feuergefahr eindämmen zu können. Während solche Vorstellungen von der Reformation unterbunden wurden, lesen wir auf den katholischen Jauner Glocken noch im 20. Jahrhundert von der Vertreibung von Blitz und Hagel. Aus Lauenen, Diemtigen und St.Stephan sind Renaissance- und Barockglocken bekannt, deren Inschriften vor allem zu züchtigem Predigtbesuch und zu Gottes Ehre aufrufen. Die Hierarchie des politischen Apparates des Ancien Régime wird mit der Nennung der wichtigsten damaligen Behörden deutlich.

 

Der Zierde der Glocken und ihrer Inschriften im sprachlichen Grenzgebiet ist gut anzusehen, dass sie teilweise vom französischen, teilweise vom deutschen Kulturraum beeinflusst sind. So ist die grosse Glocke in Zweisimmen mit ihrer feingliedrigen Inschrift vermutlich ein «welsches» Werk, während das französischsprachige Rougemont eine Glocke eines Berner Giessers mit klaren, nüchternen Buchstaben besitzt. Diesen Unterschieden begegnet man auch noch im Fin-de-Siècle, wenn man etwa die Erlenbacher Glocken der bewährten Schweizer Giesserei Rüetschi und die Jauner Glocken des französischen Giessers Jules Robert vergleicht.

Die jüngeren, einheitlicheren Geläute – das erste von 1842/43 der Region hängt in Boltigen – bestehen meist aus Glocken mit musikalisch konzipierter, abgestimmter Tonfolge. Die älteren Geläute bestehen dagegen eher aus Glocken, die nicht bewusst aufeinander abgestimmt wurden oder noch nicht abgestimmt werden kon nten, so dass sie umso eigenständiger und charaktervoller klingen. Im Zweiergeläut in Rossinière haben beide Glocken zufällig sogar denselben Hauptton, und auch den Geläuten in Oberwil, Lauenen oder St. Stephan hört man an, dass es sich nicht um einheitliche, moderne Konzeptionen handelt. Umso eindrucksvoller ist, dass dafür mehrere Geläute der Region seit über 500 Jahren völlig unverändert geblieben sind. Auch wenn elektrische Antriebe installiert und ab und zu Armaturen gewechselt wurden, lassen die ältesten Glocken und Geläute doch noch immer dieselbe Stimme erschallen wie zur Zeit der Entdeckung Amerikas, dem Beginn des Buchdrucks, der Einführung der Reformation. Nur wenige Regionen der Welt können sich einer solchen Dichte alter Geläute rühmen und besitzen zugleich – wie etwa an der Lenk – auch Glocken des 21. Jahrhunderts.

Es versteht sich vor diesem Hintergrund, dass besonders die ganz alten Glocken einer sorgfältigen Pflege bedürfen. Wegen der Einführung von zunächst noch etwas umständlichen Läutemaschinen haben beispielsweise viele Glocken zu schwere Klöppel erhalten, welche die Glocken zu stark beanspruchen. Sie sollten durch schonendere Exemplare ersetzt werden, die auch besser klingen. In Erlenbach oder Wimmis ist in den letzten Jahren mit gelungenen Sanierungen bereits ein erfreulicher Anfang gemacht worden.